Rassefehler

RASSEFEHLER

Abschrift aus der PUS 08/2002

Artikel von Josef Berta, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Frau Ingeborg Pagel.

Der ZP hatte seine beste, seine Blütezeit, als er sich durch alle Hemmnisse, alle Widerstände, die sich ihm auf dem Wege seiner Hochzucht entgegengestellt hatten, zu einer klaren und gesunden Form durchgerungen hatte, als er sich noch
jener zielsicheren und tatenfrischen Züchter und Richter erfreute, die seine Entwicklungsgeschichte miterlebt und sich mit seinem Rasseideal völlig vertraut gemacht hatten.

Ernst Kniß-Leipzig war der Begründer des ZP-Zwingers „vom Klein Paris“ und hat fortschrittlich und zielstrebig zur steten Entwicklung der Zucht beigetragen.

Noch brachte der Zwergpinscher die stärksten Zahlen auf den Ausstellungen, nicht selten hatten die Richter ihrer 50, 60 und mehr zu beurteilen. Noch war Ziel und Richtung in der Zucht bemerkbar, lag deren Schicksaal in der Hand der wenigen berufenen Richter, die den Entwicklungsgang der Rasse miterlebt und einig in der Beurteilung waren, die mit
dem jeweiligen Stand der Entwicklung vertraut waren und zur rechten Zeit eingriffen, wo es mangelte, bald das Gebäude und den Stand, bald Kopf und Größe als wichtigstes voranstellten.

Die Zeit des Verfalls begann nach meinen Beobachtungen, als die alten, erfahrenen, vortrefflich eingearbeiteten Richter nicht mehr die Führer und Wegweiser der Zucht waren, als mit der sorglosen Wahl neuer Richter, die ihre Aufgabe nicht
gründlich beherrschten, die Ansprüche nachließen, und damit die Rasse selbst ihre Bedeutung verlor. Hier zeigt sich so recht die Wahrheit des alten Satzes:
Je höher die Anforderungen, die an die Kunst des Züchters gestellt werden, um so reizvollerseine Aufgabe, um so höher sein Eifer und sein Können.
Mit anderen Worten: Je billiger die Ware, um so schlechter ist sie mit dem Sinken der Ansprüche werden es der ernsten, strebenden Züchter weniger der Auch- und Gelegenheitszüchter mehr, wird das
ganze Zuchtgut minderwertiger.

Ich habe manchmal den Kopf geschüttelt, wenn ich sah, mit wie geringen Mitteln manchmal die höchste Auszeichnung gewonnen werden konnte, und es erlebt, wie schnell sich die Folgen dieser Oberflächlichkeit geltend machten. Unsere alten Meisterzüchter hatten, eh sie vom Schauplatz traten, die letzte Hand angelegt ihr Werk zu vollenden; zu der idealen Körperlichkeit und Figur fehlte noch die letzte Feinheit des Kopfes, seine schmale, gestreckte Form mit dem kräftig angesetzten Fang und dem kleinen Pinscherauge. Trotzdem haben sie eine reiche Erbschaft hinterlassen.

Wohl ist es heute nicht mehr beliebt, aus der Geschichte und der großen Vergangenheit zu lernen. Für die Rassezüchter aber ist diese Lehre eine zwingende Notwendigkeit. Wer nicht den einzig dastehenden Aufstieg kennt, den die Zucht des Zwergpinschers genommen, nicht weiß auf welchem Wege sie zu dieser Höhe, zu dieser inneren und äußeren Entfaltung, dieser allgemeinen Verbreitung und Beliebtheit geführt wurde, der wird sich leicht mit der gegenwärtigen Lage abfinden und … fortwursteln.

Was kann zur Hebung der Rasse geschehen?

Antwort:
Erstens:
Nur solche Richter sind zu berufen, die mit ihrer Aufgabe gründlich vertraut sind, die wissen, woran es fehlt, mit den Grundübeln scharf ins Gericht gehen, jedes Anzeichen der Besserung lobend hervorheben.

Zweitens:
Mit rücksichtsloser Strenge müssen alle Gebäudefehler gerügt werden. Kein Hund mit abfallender Kruppe, schwächlicher, unterstellter Hinterhand, wackeliger Schulter, Vorgedrücktem Oberarm, aufgebogener Front darf über die Note „Gut“
hinauskommen. Auf die gesunde Körperlichkeit, auf rassiges Temperament gerechten Stand, kräftiges, gebundenes Skelett, straffen Rücken mit gutentwickelter Lendenpartie und Kruppe muß hoher Wert gelegt werden, eine gewisse Fülle und Gedrungenheit muß der windigen und zarten Gestalt vorgezogen werden, unbekümmert um deren Kleinheit.

Erst wenn diese Grundelemente gesichert sind, spricht der Kopf und dessen schöne Gliederung mit.

Drittens:
Gleichzeitig müssen die Erbwerte der Zuchthunde ermittelt, muß die ganze, jetzt so planlose und verzettelte Zucht
wirksam auf diejenigen Vererber zusammengefaßt werden, die sich als solche bewährt haben. Dadurch wird auch mehr
Stetigkeit in die Zucht kommen; der Züchter wird eine höhere Befriedigung aus ihr gewinnen und seinen Eifer steigern, wenn er auf Blut züchtet und nicht mehr auf gut Glück angewiesen ist….